Rifkins empathische Zivilisation: Esoterische Wege zu einem globalen Bewusstsein

Na, das ist doch mal was ganz Anderes: Zivilisationsgeschichte als Empathiegeschichte, oder um es mit den Worten des „Falters“ zu sagen. „Sind wir nicht alle ein bisschen Gutmensch?“

Bestsellerautor Jeremy Rifkin erhebt den Anspruch, die Zivilisationsgeschichte neu zu erzählen. Dabei fokussiert er seine Erzählung auf die Entwicklung der Empathie, einem relativ jungen Konzept der Verhaltensforschung, der Psychologie und der Soziologie. In der Politikwissenschaft spielt das Thema bisher allenfalls in der Leadership-Forschung eine Rolle. Rifkin beschreibt ein „Paradox der Menschheitsgeschichte“: Dass die Hälfte der Menschheit mehr verbrauche, als für ein auskömmliches Leben nötig sei und immer unglücklicher werde, je reicher sie werde und die „andere Hälfte der Menschheit … mehr oder weniger verzweifelt um einen Weg aus der Armut“ (370) kämpfe und dabei Glück empfinde, „wenn sie einen minimalen Lebensstandard erreicht“ (370) habe. Ganz neu ist diese Erkenntnis übrigens nicht. Bürgermeisterkollege Jörg Aumann hatte mir dazu ein kluges (englisches) Buch ausgeliehen.

Rifkin setzt einer Zivilisation, die durch einen immer höheren Energieverbrauch, einen Kampf um viele weitere Ressourcen und zahlreiche Bedrohungen (atomar, klimatisch, genetisch manipulierte Krankheitserreger) geprägt ist und die Welt an einen „entopischen Abgrund“ geführt habe, die Idee einer von Empathie durchzogenen Gesellschaft entgegen. AlsGutmensch finde ich die Idee tatsächlich gut. Anstelle einer kämpferischen Geopolitik, in der nur die Fittesten überleben, bevorzugt der Bestsellerautor eine empathische, „biosphärische Welt“ (423), die auf der Vorstellung gründet, „dass die Erde wie ein lebender Organismus funktioniert“ (423). Es ist die alte Idee aus dem Neuen Testament, die zu Wohlstand und Frieden auf der Welt führen soll. Mir gefällt das prinzipiell.

Aber weder Jesus’ Menschenliebe noch Golemans Emotionale Intelligenz konnten sich bisher gegen Machtpolitik und Aggression, Eigennutz und Zerstörungswille in einer entropischen Zivilisation durchsetzen. Vielleicht hat Jeremy Rifkin mit seinem Appell für ein globales Bewusstsein mehr Erfolg. Und alles würde gut: „Die neue Ära des dezentralisierten Kapitalismus ermöglicht es uns, einen neuen Weg der Globalisierung zu beschreiten: von unten nach oben, weitgehend emissionsfrei, gestützt auf regenerative und regional gewonnene Energien, aber weltweit vernetzt“. (424)

Schön erzählt, nett zu lesen, aber auch sehr spekulativ und von sehr begrenztem wissenschaftlichem Wert.

Es muss ja nicht alles Wissenschaft sein, was als Sachbuch dahergeschmökert kommt.

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